Eigentlich war sie schon immer da: die Politik. Aufgewachsen bin ich nämlich in einer sehr politisch interessierten Familie. Schon mein Großvater war ein eingefleischter Sozialdemokrat. Auch meine Mutter engagierte sich, solange ich denken kann, in der SPD und bei der Gewerkschaft. Und auch in der Schule wurde sowohl soziales als auch politisches Interesse sehr unterstützt.
Es war eine bewegte Zeit, als ich 1974 beschloss der Sozialdemokratischen Partei beizutreten; eine Zeit, in der Willy Brandt nicht nur Werte sondern auch Menschen prägte. Konkreter Anlass für mein Eintritt in die SPD war der Rücktritt von Willy Brandt als Kanzler. Wie viele andere wollte ich meine Solidarität mit dem Menschen zeigen, der wie kein Zweiter – zumindest für mich – die Vision von einer neuen, gerechteren Gesellschaft aufzeigen konnte. Seine Werte sollten weitergeführt werden. Die Demokratie wagen, das Gespräch mit dem Andersdenkenden zu suchen, den Menschen zuzuhören und allen, unabhängig von ihrer Herkunft Chancen ein würdiges, selbstbestimmtes Leben zu schaffen, war und ist für mich die Motivation meines politischen Handelns.
1978 machte ich das Abitur an der Viktoriaschule in Aachen. Es war in den siebziger Jahren durchaus nicht selbstverständlich, dass Mädchen Abitur machen durften.
Meiner Familie war es aber wichtig, dass ich als Frau später einmal meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten konnte. Es war Johannes Rau, der 1970 als Wissenschaftsminister in die Landesregierung Kühn berufen wurde und meiner Generation eine Perspektive gab, unabhähngig vom Einkommen der Eltern ein Studium aufnehmen zu können. 1978 wurde er Ministerpräsident. Ein Jahr später begann ich mit dem Studium der Germanistik und der Sozialwissenschaften an der RWTH. In dieser Zeit habe ich auch als Dozentin für die Volkshochschule gearbeitet. Ich gab Kurse in “Deutsch für Ausländer”. Schon damals galt: die deutsche Sprache ist ein wichtiger Schlüssel zur Integration.
Zu dieser Zeit habe ich mich vor allem bei den Jusos engagiert. Dort war ich Mitglied im Vorstandes des Unterbezirks Kreis Aachen sondern auch Mitglied im nordrheinwestfälischen Landesvorstand.
Bei den Jusos lernte ich auch meinen Mann Hans kennen. Als 1981 meine erste Tochter Annika geboren wurde, unterbrach ich mein Studium für eine Familienphase. Außerdem half ich meinem Mann, der einen Malerbetrieb führte, im Büro. Zwei Jahre später wurden Verena und Christoph geboren. 1984 wurde ich in den SPD-Unterbezirksvorstand Kreis Aachen gewählt. Ihm gehöre ich seitdem, mit einer kurzen Unterbrechung von 2006 – 2008, an.
Als 1988 mein viertes Kind, Tobias, geboren wurde, wurde es für mich immer schwieriger an den Veranstaltungen des Juso-Landesvorstands in ganz NRW teilzunehmen. Da der Handwerksbetrieb meines Mannes zwischenzeitlich insolvent war und aufgelöst werden musste, musste ich aber auch mit verschiedenen Jobs unser Familieneinkommen mitverdienen. Auch wegen des Kindergartens und der Schule meiner Kinder gewann die Kommunalpolitik für mich aber auch immer größere Bedeutung.
1988 schied ich daher aus dem Juso-Landesvorstand aus und wurde SPD-Stadtverbandsvorsitzende in Würselen. Zu dieser Zeit war Martin Schulz Bürgermeister in Würselen. Ich organisierte 1989 und 1994 zwei erfolgreiche Kommunalwahlkämpfe, die die SPD in Würselen gewann. Die absolute Mehrheit im Rat, die die SPD jeweils errang, war Grundlage für die erfolgreiche Politik der SPD in Würselen. 1994 zog ich erstmals in den Rat der Stadt Würselen ein.
Seit fünfzehn Jahren bin ich Mitglied der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Würselen. Dort bin ich seit 1999 stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Meine Arbeitsschwerpunkte sind Kinder- und Jugendhilfe, Soziales und Schule.
Von 1994 bis 1999 und wieder seit 2004 bin ich Vorsitzende im Jugendhilfeausschuss und arbeite erfolgreich mit den freien Trägern und Verbänden zusammen. Wichtig ist es mir, mich für die einzusetzen, die an anderer Stelle wenig Gehör finden. So bin ich besonders stolz, dass es mir mit anderen gelungen ist, dafür zu sorgen, dass in Würselen – im Rahmen der Offenen Ganztagsschule – kein Kind vom Essen ausgeschlossen wird, weil seine Eltern die Mahlzeiten nicht finanzieren können. Mit der Vereinsgründung von „Wir in Würselen“ konnte das Problem im Schulbereich fast gelöst werden. Allerdings gibt es noch große Schwierigkeiten im Kindertagesstättenbereich. Denn während in der Grundschule noch ein Landesprogramm zu teilen hilft, gibt es keinerlei Hilfen für die ganz Kleinen. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden.
Als mein Mann 1998 an einer Hirnblutung starb, hatte ich gerade meine Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin abgeschlossen. Ganz plötzlich wurde mir noch einmal klar, wie wichtig es ist, dass jeder Zugang zu einer kostenfreien Berufsbildung bekommt. Ich musste das Familieneinkommen alleine verdienen. Zunächst arbeitete ich in Alsdorf in der städtischen Einrichtung “Biberburg”. Das ist eine integrative Kindertageseinrichtung für behinderte und nicht-behinderte Kinder.
Ein wichtiges Ziel für mich ist daher ein selbstverständlicher Umgang mit unseren behinderten Mitbürgern. Ihre besonderen Fähigkeiten, die sie oftmals – gerade im sozialen Miteinander – entwickelt haben sind beeindruckend. Sie einzubinden, ist mir ein besonderes Anliegen. Deshalb bin ich auch Mitglied im Verein „Gemeinsam leben – Gemeinsam lernen“, der sich für die Integration behinderter und nicht-behinderter Kinder einsetzt.Viele Aufgaben sind in diesem Bereich noch zu bewältigen.
Seit 2000 arbeite ich als Erzieherin in einer Jugendwohngruppe in Aachen. Dort betreue ich, meist während 24-Stunden-Diensten, Jugendliche, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr in ihrer Familie leben können. Mit den Jugendlichen arbeite ich daran, ihre sozialen, finanziellen und familiären Probleme abzubauen. Das wichtigste Ziel ist dabei, die Jugendlichen für eine Berufsausbildung “fit zu machen”. Dort erfahre ich täglich, wie schwer sich heute die Situation für Familien darstellt. Bei vielen Jugendlichen ist es schon ein großer Erfolg, wenn sie trotz all ihrer Probleme morgens aufstehen und einen Schulabschluss machen. Das ist die Voraussetzung für eine Ausbildung und erfüllt mich jedes Mal mit ein wenig Stolz.
Ich erfahre aber auch, nicht nur durch meine Kinder, dass Studiengebühren ein großes Problem sind. Es geht nicht nur darum, dass cleveren Jugendlichen mit schlechterem finanziellen Hintergrund der Weg an die Uni und zum Abschluss erschwert wird. Es drängen auch immer mehr Abiturienten in den Ausbildungsmarkt und konkurrieren dort mit anderen Jugendlichen, die “nur” einen Realschul- oder Hauptschulabschluss haben. Dadurch wird es für junge Menschen immer schwerer überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Ich will helfen, dass zu verändern.
Selbstverständlich weiß ich, dass man gerade für soziale Aufgaben und für die Bildung viel Geld braucht. Deshalb bin ich auch Mitglied des Haupt- und Finanzausschusses, der sich – wie der Name schon sagt – mit den städtischen Finanzen auseinandersetzt. Die wirtschaftliche Lage unserer Kommunen ist schlecht. Das erschwert diese Aufgabe zur Zeit ganz besonders.
Es ist aber nicht so, dass die Haushalte der Kommunen nur deshalb so schlecht sind, weil so viele “Prestigeprojekte” umgesetzt wurden. Das mag auch zum Problem beitragen. Gerade in meinem Wahlkreis, hier im ehemaligen Wurmrevier, musste in der Vergangenheit aber auch viel Geld ausgegeben werden, um nach der Schließung der Zechen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dieser Strukturwandel wurde natürlich auch mit Schulden bezahlt.
Es ist aber auch so, dass die Kommunen immer mehr Aufgaben bekommen, für die sie kein Geld bekommen. Das gilt zum Beispiel gerade bei den Sozialausgaben und im Kindertagesstättenbereich. Es ist richtig, hier Geld zu investieren, das sichert nicht nur die Ausbildung unserer Kinder, sondern auch die Renten und Gesundheitskosten und somit unseren Wohlstand in der Zukunft. Es ist auch richtig, diese Aufgaben von den Kommunen wahrnehmen zu lassen. Vor Ort kann man am besten erkennen, was nötig ist. Aber um diese Aufgaben zu gewährleisten, muss man den Kommunen dafür natürlich auch Mittel aus den Steuergeldern zur Verfügung stellen. Auch dafür will ich mich einsetzen.
Seit 2002 lebe ich mit meinem Partner Ulf zusammen. Er ist Lehrer an einer Realschule. In unserer Freizeit schauen wir uns gerne die Euregio an, zu Fuß oder mit dem Fahrrad.



