16. Juni 2011 | Im Wahlkreis, Meldung

SPD-Landtagsfraktion zu Gast im Kaktus in Aachen

Machten sich im Rahmen der Klausurtagung ein Bild von der Aachener Jugendeinrichtung „Kaktus“: Armin Bembennek, Eva Steiniger-Bludau, Eva-Maria Voigt-Küppers, Stefan Zimkeit, Dennis Maelzer, Thomas Reißberg, Regina Kopp-Herr, Josef Karden, Marlies Stotz, Wolfgang Jörg und Dietmar Dieckmann (v.l.n.r.).

Ein Jahr nach der Landtagswahl kehrte die direkt gewählte Abgeordnete Eva-Maria Voigt-Küppers gemeinsam mit ihren SPD-Fraktionskollegen des Arbeitskreises Familie, Kinder und Jugend an ihre alte Wirkungsstätte zurück: Im Rahmen der gemeinsamen Klausurtagung besuchten die Familienpolitiker den Verein “Kaktus Jugend- und Familienhilfeeinrichtung e.V.”, indem Voigt-Küppers vor ihrem Mandat zehn Jahre mit Jugendlichen gearbeitet hat, die in ihrer Herkunftsfamilie nicht mehr leben konnten. „Den Bezug zur Praxis halten meine Kollegen und ich für die inhaltliche Arbeit enorm wichtig. Der Kaktus ist für die Heimerziehungsarbeit mit seinem einzigartigen dreistufigen Wohnkonzept ein hervorragendes Beispiel“, die die Sozialdemokratin.

Zum Kaktus gehören neun Plätze in einer Jugendwohngemeinschaft, in der Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren selbstständig wohnen, die aus ihrem familiären Umfeld durch das Jugendamt herausgenommen worden sind. Den Jugendlichen stehen Einzelzimmer sowie ein Bezugsbetreuersystem zur Verfügung.  Daneben gibt es zwei Plätze im betreuten Einzelwohnen, dem so genannten „Übungswohnen“. Hier leben die Jugendlichen wie in einer eigenen Wohnung völlig selbstständig und müssen ihre Versorgung und ihren Haushalt mit einem Haushaltsgeld täglich selbst organisieren. Die dritte Form ist die Apartmentbetreuung, die bereits älteren Jugendlichen offen steht, die als „Seiteneinsteiger“ in den Kaktus kommen und sich weniger gut in die Form der Gruppenunterbringung einbringen können.

In erster Linie leben im Kaktus Scheidungskinder. Dabei spiele es heute nicht mehr eine so große Rolle, aus welchen finanziellen Verhältnissen die Jugendlichen stammen, sagt der Leiter der Einrichtung, Josef Karden: „Unsere Jugendlichen lernen hier, ihrem Alltag eine Struktur zu geben. Pünktliches Aufstehen, um die Schule zu besuchen gehört genauso wie häusliche Pflichten wie Putzen und Kochen aber auch das Einhalten von Terminen zum Verselbständigungsprozess, den wir im Kaktus vermitteln. Langfristig ist es unser Ziel, die Jugendlichen wieder in ihre Familien zurückzuführen. Allerdings ist das nicht immer möglich und gewünscht“, so der Leiter der Einrichtung.

Das Team der Jugendwohngemeinschaft besteht insgesamt aus vier Sozialpädagogen und Sozialarbeitern sowie drei staatlich anerkannten Erziehern, die alle über langjährige Berufserfahrung in der Jugendarbeit verfügen. Dass die Einrichtung stetig gewachsen ist, beobachtet Hildgarde Lisse, Vorstandsvorsitzende des Vereins, dennoch mit Sorge: „Wenn es dem Kaktus gut geht, dann geht es der Gesellschaft schlecht“, so ihre etwas provokanten aber durchaus besorgniserregenden Worte. Darum gehört es für die Einrichtung zu den wichtigsten Aufgaben, wieder Konfliktfähigkeit und soziale Kompetenz zu vermitteln. Gleichzeitig möchte man die Bewohnerinnen und Bewohner vor der Stigmatisierung, nicht mehr bei der eigenen Familie zu leben, bewahren. Um ihnen einen normalen Schulalltag und ein Privatleben zu ermöglichen, bietet der Kaktus nicht nur eigene Ferien- und Freizeitmaßnahmen an, sondern arbeitet auch  mit anderen Vereinen beispielsweise im Bereich Sport und Kultur zusammen. Hier können die Jugendlichen, wie ihre Freude, ganz normal freie Nachmittage verbringen.

Abschließend stellt sich in der Arbeit mit den Jugendlichen immer die Frage, wie man langfristig eine erfolgreiche Kurskorrektur erreichen kann. Dies sei Einzelfallabhängig, so die Beurteilung von Josef Karden: „Für uns ist das Drei-Stufen-Modell durchaus wertvoll. Es ist uns wichtig, unterschiedliche Hilfeinstrumente anwenden zu können. Flexible Hilfen innerhalb der Familien und stationäre Hilfe sind je nach Fall beides sinnvolle Instrumente.“

Das große Problem dahinter ist in den meisten Fällen vielmehr das zu späte Tätigwerden. Darum der Appell an Frauenärzte, Hebammen, Kinderärzte und Lehrer, früher hinzuschauen. „Wir brauchen aber darüber hinaus noch mehr Möglichkeiten, geeignete Formen zu finden, werdenden Eltern insgesamt mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit anzubieten“, so Wolfgang Jörg, Sprecher des Arbeitskreises. Er versprach, noch in dieser Legislaturperiode tätig zu werden. Eine große Hürde, die dabei zu nehmen sei, seien die kommunalen Unterschiede in ganz NRW. Es sei daher ein erster Schritt, zunächst mit zehn Pilotprojekte über das Land verstreut zu starten, deren Aufgabe es ist, in den Schulen dem Lehrpersonal auch Pädagogen und Sozialarbeiter an die Seite zu stellen. Und durch Hausbesuche werdenden Eltern stärker auf ihre neue Aufgabe vorzubereiten.