Bürgerdiskussion Ost-West in Chemnitz

09. November 2018

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer. Doch die Unterschiede zwischen Ost und West scheinen momentan größer denn je zu sein. Erfolglos wehren sich Städte wie Dresden, Leipzig und Chemnitz gegen das Image eines fremdenfeindlichen Ostens.

Bürgerdiskussion Ost-West in Chemnitz

Diskutierten mit rund 50 Personen: Eva Voigt-Küppers MdL, Monika Lazar MdB und Vladimir Shikhman

Vladimir Shikhman kommt mit seiner jüdischen Familie aus Russland und ist vor zwei Jahren von Würselen nach Chemnitz gezogen, wo er seit zwei Jahren eine Professur an der Technischen Universität innehat. In Würselen engagierten er und seine Eltern sich viele Jahre bei der Tafel, im Erzählcafé und im Fotozirkel “Klick”. Als es vor rund zwei Monaten zu den rechtsextremen Übergriffen in Chemnitz kam, nahm Shikhman Kontakt zur Würselener Landtagsabgeordneten Eva-Maria Voigt-Küppers auf und bat sie darum, nach Chemnitz zu kommen.

Kürzlich fand nun in Chemnitz eine Dialogveranstaltung statt. Sie stand unter dem Titel „Bürgerdiskussion Ost-West“ und wurde organisiert bzw. unterstützt von katholischer und evangelisch-lutherischer Kirche in Chemnitz, dem Lokalen Aktionsplan der Stadt Chemnitz und dem Fotozirkel Würselen-Chemnitz.

Gemeinsam mit der Grünen-Bundestagsabgeordneten Monika Lazar aus Leipzig und einem sehr engagierten Publikum diskutierte Eva-Maria Voigt-Küppers über die Missverständnisse zwischen Ost und West. Shikhman brachte die Diskussion mit einer Reihe von Stereotypen in Gang: Wessis, die sich über undankbare Ossis beschweren und Ossis, die sich vom Westen als Bürger zweiter Klasse verstanden fühlen. Einig waren sich alle Diskutanten, dass viel zu viel übereinander, aber zu wenig miteinander gesprochen wird. Gerade die sozialen Medien sorgten dafür, dass sich die Bilder in den Köpfen eher noch verfestigen. Das führt zur Spaltung innerhalb unserer Gesellschaft. Die aufgerissenen Gräben zeugen von Unsicherheit, Misstrauen, Ablehnung und Hass im Umgang miteinander.

Voigt-Küppers sagte, es sei entsetzlich und mache sie fassungslos, dass heute wieder Menschen durch die Straßen gejagt würden. „Angst schlägt in Hass um und als Ventil müssen die Menschen herhalten, die bei uns Hilfe und Sicherheit suchen.“

Bürgerdiskussion Ost-West in ChemnitzDen Mauerfall als friedlichen Umbruch in der DDR wird von allen Anwesenden bis heute als ein großes Glück empfunden. Monika Lazar sagte: „Erst die Wende hat es überhaupt möglich gemacht, sich politisch zu engagieren.“ Sie berichtete von der Aufbruchsstimmung in den neuen Ländern, die sie bei der Vereinigung von Bündnis 90 und Grünen miterlebte. Allerdings seien in der Euphorie der Wiedervereinigung handwerkliche Fehler gemacht worden.

Voigt-Küppers stimmte dem zu: „Die Bundesregierung hat viel zu wenig Acht gegeben auf die Menschen in der ehemaligen DDR, auf ihre Belange, Kultur und Traditionen. Stattdessen wurden im Osten mit der Marktwirtschaft ein ganz neues Wirtschaftssystem und eine neue Währung eingeführt. Die Ost-Wirtschaft war in weiten Teilen nicht wettbewerbsfähig, wodurch tausende Menschen ihre Beschäftigung verloren.“

Die rund 50 Anwesenden zogen ein gemeinsames Fazit: Es müsse mehr miteinander gesprochen werden. Die Missverständnisse zwischen Ost und West könnten nur ausgeräumt werden, wenn es einen Dialog und gegenseitige Wertschätzung gibt. Wir sind ein Land und sollten versuchen, uns nicht weiter voneinander treiben zu lassen, und wie in einer zerrütteten Familie uns gegenseitig nicht gleich aufzugeben.

Voigt-Küppers sagte abschließend: „Wir müssen und wir können bei vielen Problemen nachsteuern. Dazu muss aber der politische Wille formuliert werden. Viele Dinge liegen dabei auf der Hand: Eine Angleichung der Renten beispielsweise ist erst für 2025 vorgesehen – 35 Jahre nach der Wiedervereinigung! Das kann viel schneller gehen, wenn wir es nur möchten.“

 

Themen: Arbeit und Soziales, Inneres und Integration, Würselen